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Gehörlose und schwerhörige Menschen brauchen im Alltag Unterstützung, um ein barrierefreies Leben führen zu können. Schriftdolmetscher unterstützen Menschen mit Hörbehinderung dabei - egal ob Schule, Vorlesung, beruflichen Meetings oder in der Politikteilhabe.

Fliegender Wechsel zwischen Schriftdolmetscher und Co-Dolmetscher

Die Organisation eines Einsatzes und das Abwechseln sind für die Qualität des produzierten Textes sehr wichtig. Aus diesem Grund werden Einsätze mit einer Dauer von über 60 Minuten mit zwei Dolmetschern besetzt, einem Schriftdolmetscher und seinem Co-Dolmetscher.

Im virtuellen Kundenraum auf der VerbaVoice-Plattform treffen sich zur gebuchten Zeit der Kunde, der Schriftdolmetscher und sein Co-Dolmetscher. Meine Münchner Kollegin, die wir an ihrem Arbeitsplatz zu Hause besucht haben, zeigt mir, wie sie weiß, wer mit dem Dolmetschen an der Reihe ist: „Die Dolmetscher wechseln sich in der Regel alle 15 Minuten ab und benutzen dafür ein Handsymbol“. Beim Kunden vor Ort ist der Redner - Lehrer, Mitschüler, Dozent oder auch Arbeitskollegen - mit einem Mikrofon ausgestattet. Der Schriftdolmetscher hört ortsunabhängig zu und wandelt gesprochenes Wort in Schrift um. „Ich bin beruflich also so eine Art externes Ohr meines Kunden“, erklärt die Kollegin ihre Arbeit. Auf der Plattform kann der gehörlose oder schwerhörige Kunde das bei ihm vor Ort Gesprochene mitlesen und dem Alltag so ohne Barrieren begegnen. Wenn Fragen auftreten, kann der Kunde über die Chat-Funktion der Plattform zu den Schriftdolmetschern Kontakt aufnehmen – und umgekehrt. Außerdem haben die Schriftdolmetscher jederzeit die Möglichkeit, bei technischen Störungen den Support zur Hilfe zu rufen.

Schriftdolmetscher können auf drei verschiedene Arten arbeiten: Konventionell, d.h. sie tippen auf einer gängigen Computertastatur, sie können eine spezielle Steno-Tastatur benutzen oder arbeiten mithilfe einer Spracherkennung wie Dragon. Konventionelle Schriftdolmetscher haben circa 600 Anschläge pro Minute, was deutlich höher ist als der Durchschnitt der Zehnfingerschreiber, die es in der Regel nur auf 200 - 400 Anschläge pro Minute bringen. Die physische Höchstgrenze liegt bei 750 Anschlägen pro Minute. Wer noch mehr Anschläge erzielen will, muss auf Hilfsmittel wie die Silbentastatur oder Spracherkennung zurückgreifen. Beschleunigtes Tippen kann auch durch Kürzel erreicht werden, die mit bestimmten Tastenkombinationen im Vorfeld definiert werden.

Know-how und persönliche Fähigkeiten

Für die Ausübung des Berufs Schriftdolme0tscher müssen einige grundlegende Fähigkeiten vorhanden sein: Exzellente Konzentrationsfähigkeit über längere Zeiträume, Interesse an den unterschiedlichsten Themenwelten, eine möglichst gute und breit gefächerte Allgemeinbildung und ein gut ausgeprägter Gehörsinn. Die Ausbildung zum Schriftdolmetscher - am SDI München beispielsweise - dauert ein dreiviertel Jahr. Danach ist man fit für die ersten einfachen Einsätze. „So richtig gut und schnell wird man dann eigentlich erst mit der Zeit durchs Tun, wenn man regelmäßig dolmetscht und lernt, mit Stress und unerwarteten Dolmetschsituationen zurecht zu kommen“, meint die Kollegin.

Da für unterschiedliche Kunden und in unterschiedlichsten Bereichen gearbeitet wird, ist vor dem Einsatz ein Einlesen in die Thematik wichtig. Im Bereich Bildung könnten beispielsweise im Unterricht oder während Uni-Vorlesungen Fachbegriffe oder Fremdwörter genannt werden, die ohne entsprechende Vorbereitung und Einarbeitung nicht erfasst - und somit möglicherweise nicht oder falsch verschriftlicht werden könnten. Im Bereich Politik ist es z.B. wichtig, sich vorab mit Abkürzungen von Gesetzen oder den jeweiligen Tagesordnungen auseinanderzusetzen sowie die Namen der Politiker gut zu kennen.

Um eine gute Vorbereitung für die Dolmetscher zu gewährleisten, haben Kunden daher die Möglichkeit auf der VerbaVoice-Plattform Unterrichtsmaterial, Vorlesungsfolien oder Material für Meetings bzw. Veranstaltungen hochzuladen. So können sich die Schriftdolmetscher vor dem Einsatz thematisch mit den zu erwartenden Inhalten vertraut machen. Besonders die Bereiche Politik und Veranstaltungen erfordern für die Schriftdolmetscher deutlich mehr Vorbereitungsaufwand und sind während des Einsatzes stressiger. Aber auch Vorlesungen an der Universität können unter Umständen ausgesprochen fordernd für die Dolmetscher sein.

„Bei einem meiner Einsätze im Bayerischen Landtag kam einmal das Wort ‚BayKiBiG‘ vor. Damals wusste ich weder wie diese Abkürzung geschrieben wird noch was das überhaupt ist, denn davon war im Vorbereitungsmaterial nicht die Rede gewesen. Nach einem kurzen Schreckmoment habe ich das mit ‚das zuvor beratene Gesetz‘ umschrieben. Mein Co-Dolmetscher hat dann nebenher schnell gegoogelt und die richtige Schreibweise gefunden und eingefügt. Heute weiß ich, dass ‚BayKiBiG‘ das Bayerische Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz ist. Sowas passiert mir nicht wieder!“, berichtet meine Schwabinger Kollegin. Doch solche Situationen und der Umgang damit gehören zum Schriftdolmetscher-Alltag. Um die Konzentrationskurve bei sehr schwierigen Einsätzen konstant zu halten, versuchen die Schriftdolmetscher – falls möglich - Pausen zu machen und sorgen für ein ruhiges, störungsfreies Arbeitsumfeld.

Momente des Jubels und des Schreiens

Oft allerdings ist Murphy’s Law trotz aller Vorbereitung und guter Arbeitsbedingungen nicht zu vermeiden. Schlechte Tonqualität, ein „Einfrieren“ der Plattform oder schlechte Internetverbindung kommen leider gelegentlich vor, auch wenn Technik und Schriftdolmetscher versuchen, dies zu vermeiden. Auch bei meinem Besuch wird plötzlich der Ton leiser und Nebengeräusche überdecken das Gesprochene. Meine Kollegin wendet sich über ein weiteres Chatfenster an den technischen Support. Dieser klärt sehr zeitnah die Ursache des Problems und nur wenige Minuten später können die Dolmetscher weiterarbeiten. „In solchen Momenten pocht das Herz ganz schön, weil man als Schriftdolmetscher dann erst einmal hilflos ist“, berichtet die Kollegin.Für Schriftdolmetscher ist es eine besondere Freude, wenn sie die Möglichkeit haben, Inhalte eines Einsatzes mit persönlichem Interesse zu verbinden. „Ich habe Musikwissenschaft studiert und früher an der Oper Frankfurt gearbeitet. Bei Musikthemen zu dolmetschen, macht mir daher besonders großen Spaß“, erzählt die von mir besuchte Schriftdolmetscherin, die seit drei Jahren für VerbaVoice arbeitet. „Auch Vorlesungen aus verschiedensten Themenbereichen sind für mich persönlich sehr spannend – aber letztlich dolmetsche ich eigentlich alles total gern.“

Die Themenvielfalt ist aufgrund der vier Dienstleistungsbereiche von VerbaVoice weit gestreut. Vom Geschichtsunterricht an der Schule über Vorlesungen, Workshops bis hin zu verschiedenen Events ist alles dabei. Ein beruflicher Höhepunkt kann es sein, wenn die Schriftdolmetscher über ihre Grenzen und Ängste hinauswachsen. „Während meiner Ausbildung dachte ich immer, wenn ich es eines Tages schaffe einen Landtag zu dolmetschen, habe ich mein persönliches Ziel erreicht. Das erschien mir damals wie die ‚Königsdisziplin‘ des Schriftdolmetschens“, erzählt mir die Kollegin. „Irgendwann war es dann soweit und ich hatte – etwas kurzatmig und mit feuchten Händen – meinen ersten Landtagseinsatz. Am Anfang war ich immer sehr, sehr aufgeregt. Ein persönliches Highlight war für mich, als die Aufregung vor diesen besonders fordernden Einsätzen verflogen war.“, freut sich die Kollegin. Mit wachsender Routine und viel Übung ließ ihre Aufregung allmählich nach.

Schriftdolmetscher haben eine bedeutsame Rolle für die Inklusion von schwerhörigen und gehörlosen Menschen. Sie bauen eine Brücke, verkörpern das Ohr ihrer Kunden und legen sehr viel Flexibilität und Selbstdisziplin an den Tag. Ein regelmäßiges Arbeiten von 9 – 17 Uhr wie im Büro ist nicht möglich. Das Berufsbild erfordert eher einen Lebensstil, bei dem das Privatleben rund um die gebuchten Einsätze herum organisiert werden muss.

Unsere Schriftdolmetscher und der technische Support gehen Hand in Hand, um tagtäglich die Inklusion von Schwerhörigen und Gehörlosen zur Realität zu machen!