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Mitarbeiter der BMW Group am Standort München und Dingolfing lernten Schritt für Schritt die Gebärdensprache, um auch gehörlose Mitarbeiter integrieren zu können und eine Ausgrenzung zu vermeiden.

Gebärdensprache ist anders als andere Sprachen

Fünfzehn Einheiten beinhaltet ein Gebärdensprachkurs (Abkürzung: DGS-Kurs), der einmal wöchentlich für 90 Minuten stattfand. Insgesamt gibt es fünf Deutsche Gebärdensprachkurse: Von den Grundlagen bis zum Spezialisten. Die Mitarbeiter der BMW Group schlossen Mitte November den zweiten DGS-Kurs ab und können sich damit stolz auf die Schulter klopfen, denn sie beherrschen jetzt ein fortgeschrittenes Gebärdensprachniveau.

Am Anfang des Kurses war die Motivation groß und die Teilnehmeranzahl dementsprechend hoch. Aufgrund von mangelnder Zeit und vielen Terminen, sowie den Peak-Phasen bei Projekten, war es der Mehrzahl der Teilnehmer nicht möglich dauerhaft am Kurs teilzunehmen. Die Abbruchquote war sehr hoch. Bis zum Ende des DGS-Kurses II blieben zwei Mitarbeiter der BMW Group am Standort Dingolfing. Petra S. und Tobias N. die zu den wöchentlichen Kursstunden Besuch von Ihrem gehörlosen Mitarbeiter Daniel H. aus München bekommen haben. In dem Fall wäscht eine Hand die andere, denn die zwei verbliebenen Teilnehmer bewiesen Ehrgeiz und eiserne Disziplin.

Zu Beginn wurden viele Basics gelernt wie zum Beispiel das Alphabet, Zahlen oder Monate. „Die Grammatik ist am schwierigsten und wenn man eine Kurseinheit fehlt, hängt man gleich hinterher. Das Nachlernen ist fast unmöglich“, erzählte Tobias N. Tatsächlich ist der uns vertraute Satzbau mit Subjekt, Prädikat und Objekt, in der Gebärdensprache ganz anderes. Der anzuwendende Satzbau in der DGS schreibt vor, dass der Satzbau wie folgt lauten muss: Subjekt – Objekt- Verb. Im übertragenen Sinne würde die einfache Frage nach „Was ist dein Name?“, bedeuten „DEIN NAME WAS?“. Nun wird es halbwegs vorstellbar, dass von hörenden Menschen ein komplettes Umdenken gefordert wird. Die Teilnehmer haben viele Eselsbrücken aufgebaut, um sich die einzelnen Gebärden zu merken. So hat auch jeder seine eigene Art die Kursinhalte Revue passieren zu lassen.

„Als wir das Alphabet gelernt haben, habe ich am Wochenende in der Badewanne geübt. Ich hatte mein iPad mit und habe seitenweise in DGS buchstabiert“, erzählte Petra S. Etwas über was sich beide Kursteilnehmer einig sind, ist dass der gemeinsame Austausch nach dem Kurs für die steigende Lernkurve unabdingbar war. Dennoch musste jeder mit seiner favorisierten Lerntechnik im privaten Alltag viel üben. Nur stur Vokabeln auswendig lernen, sowie es bei anderen Sprachen der Fall ist, gibt es in der DGS nicht. Die Kommunikation mit Daniel H. war im beruflichen Alltag auch sehr hilfreich, denn auch wenn einige Gebärden fehlten konnten aus Mimik und Gestik der Kontext erschlossen werden. Mit der Zeit wurden die Gebärdenbilder mehr und die Interaktion immer lebendiger.

Arbeitsalltag bei BMW für gehörlose Menschen

Bevor die DGS-Kurse angeboten wurden, war es für gehörlose Mitarbeiter schwierig mit der Teilhabe an Meetings oder Workshops. Hörende Mitarbeiter machten sich die Mühe zeitgleich die Inhalte zu transkribieren, dies war sowohl für den hörenden als auch für den gehörlosen Mitarbeiter langfristig eine anstrengende Lösung. Mithilfe der DGS-Kurse war mit steigendem Sprachlevel das Gebärden der wichtigsten Inhalte möglich. Auch private Unterhaltungen und gemeinsame Mittagessen finden fortan nicht mehr isoliert statt. Es war üblich, dass sich die Gehörlosen mit den Gehörlosen und die Hörenden mit den Hörenden unterhielten. Diese Trennung wurde aufgebrochen mit Gewinn der DGS, und so konnten Gespräche über das Privatleben geteilt werden. „Daniel H. konnte uns im Laufe der Zeit viel mehr erzählen, wie zum Beispiel sein Urlaub war und was alles vorgefallen ist. Und wir haben ihn verstanden und konnten antworten“, erklärt Tobias N. Step by step wurden die Isolation innerhalb der Mitarbeiter aufgebrochen und die Inklusion sowie Integration der gehörlosen Mitarbeiter erreicht.

Gebärdensprachdozent vermittelte Leichtigkeit

Viele kennen es, es kommt nicht darauf an WAS vermittelt wird, sondern WIE etwas vermittelt wird. Dies ist wohl auch der Grund wieso die Mehrheit der Bevölkerung Schwierigkeiten mit Mathematik haben.
Der allererste DGS-Kurs sorgte für Überforderung: „Wie soll ich das jemals schaffen?“, fragte sich Petra S. Der Gebärdensprachdozent Hristo Trajkovski„Er fragte uns oft, was denkt ihr? Wie wird das auf DGS gesagt? Das war hilfreich, weil wir die Gebärden zusammen erarbeiten konnten“, sagte Tobias N. Der DGS Unterricht wurde mit einer lockeren und positiven Aura umgeben, sodass kein Raum für trockenen Unterricht blieb. Natürlich gehören Lernmaterialen immer dazu, diese waren laut der Kursteilnehmer sehr anschaulich gestaltet. Zu jeder neu gelernten Vokabel gab es Bilder, die verdeutlichten wie die passende Gebärde auszusehen hat.

Der Gebärdensprachdozent, Hristo Trajkovski, hat eine hervorragende Bewertung erhalten. Positives Feedback gilt vor allem dem spaßhaften Unterrichtsstil bis hin zur Anschaulichkeit und dem Aufbau des Kurses. Diese charakterlichen und fachlichen Eigenschaften führten zu viel Lob. Vielleicht sogar zu einem kleinen Oscar? „Er könnte auch der perfekte Schauspieler sein“, grinste Tobias N.

Übung macht den Meister

Mit Abschluss des DGS-Kurses II ist es nun wichtig dranzubleiben, damit die mühsam aufgebaute Lernkurve nicht stagniert. Die Gespräche mit Daniel H. werden hierbei eine der besten Übungsgrundlagen sein. Hierbei sind sich beide Kursabsolventen einig. Der Gewinn von der DGS verleiht auch ein anderes Verständnis für Mimik und Gestik, denn im Alltag ist es vor allem nützlich Reaktionen von seinem Gegenüber abzulesen oder sogar vorzuahnen. Wie es so oft im Leben ist, fällt kein Meister vom Himmel.

In diesem Bezug waren für die zwei Kursabsolventen die Diskussionen zwischen Daniel H. und dem Gebärdensprachdozenten Hristo Trajkovski sehr interessant zu verfolgen. Daniel H. hat seinen eigenen Dialekt, sodass die Vokabel gleich ist, jedoch die Gebärde teilweise unterschiedlich. Von den insgesamt weltweit 138 Gebärdensprachen, werden nochmals eine Vielzahl von Dialekten unterschieden. Dass hierbei nun wie bei den Hörenden eine kulturelle Diskussion ausbricht, ob es „Brötchen“ oder „Semmel“ heißt, ist nachvollziehbar.

Dennoch: Wer so viel Ehrgeiz beweist eine komplett differenzierte Sprache zu erlernen, verdient auf jeden Fall Beifall - hierbei sind wir uns alle einig!